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Logische Konsequenz Beispiel Essay

Einleitung

1. Überblick

2. Determinismus alltäglich ?

3. Determinismus und freier Wille

4. Determinismus als Argument überhaupt möglich ?

5. Zusammenfassung und Stellungnahme Verwendete Literatur

Einleitung

Das Problem des Determinismus ist wohl eines der am meisten diskutierten in der Geschichte der Philosophie. Bereits unter den Schriften der antiken Philosophen finden sich Abhandlungen zu dieser Thematik; das mittlerweile vorhandene Schrifttum ist kaum mehr zu übersehen.

Der Determinismus wird in verschiedenen Kontexten diskutiert. So im Zusammenhang mit der Frage, inwieweit die Fundamentalgesetze unserer Physik determiniert sind, wie z.B. nach der klassischen newtonschen Mechanik, oder inwieweit sie indeterminiert sind, z.B. im Bereich der Quantenphysik. Im Vordergrund steht jedoch meist die Diskussion um die Konsequenzen des Determinismus auf unser Leben, auf ethische Probleme. So stellen sich die Fragen, ob wir, wenn der Determinismus gilt, dennoch einen freien Willen haben können, und davon ausgehend, ob wir für unser menschliches Handeln überhaupt moralisch oder rechtlich verantwortlich gemacht werden können. Wie verhält es sich mit unseren Lebenshoffnungen ? Können wir unser zukünftiges Leben überhaupt nach unseren Vorstellungen beeinflussen, oder ist unsere Zukunft quasi schicksalhaft vorherbestimmt ?

Die Beantwortung dieser Fragen wird von vielen Autoren sehr umfangreich versucht, es existieren unzählige sehr ausführliche Ansichten und Lösungsversuche. Daneben fällt jedoch auf, daß es auch Autoren gibt, die diese Fragen im Gegensatz dazu relativ knapp behandeln und offenbar dennoch davon ausgehen, zumindest eine einigermaßen plausible Erklärung bzw. Lösung gefunden zu haben. Dem Bearbeiter, der beginnt sich in diese Thematik einzulesen, drängt sich daher nach einiger Zeit die Frage auf, welche Bedeutung diese Fragestellungen für unser Leben tatsächlich haben. Können wir mit der Tatsache des Determinismus wirklich so schwer zurechtkommen ? Wäre uns mit einem Indeterminismus im Hinblick auf die entscheidenden Fragen nach freiem Willen und Verantwortlichkeit weitergeholfen ? Was leisten umfangreiche Determinismustheorien im Hinblick auf unser Leben wirklich ?

Der Verdacht entsteht, daß gerade viele der ausführlichen Theorien den Determinismus im Hinblick auf die Auswirkungen auf unser tägliches Leben und unsere inneren Einstellungen überbewerten bzw. überdiskutieren. In dieser Arbeit will ich versuchen, dieser Frage nachzugehen.

Dabei soll nicht ausführlich auf einzelne Determinismustheorien eingegangen werden. Vielmehr soll anhand von allgemeinen strukturellen Überlegungen untersucht werden, ob die vielen Theorien in ihren verschieden Ausgestaltungen überhaupt zu Ergebnissen führen können, die sich tatsächlich in ihren Konsequenzen auf unser Leben unterscheiden.

1. Überblick

Die Theorie des Determinismus gründet auf der Erkenntnis, daß unsere Welt nach Gesetzmäßigkeiten funktioniert. Jedes Ereignis ist als Wirkung bestimmter Ursachen eindeutig bestimmt und ist selbst wiederum, im Zusammenspiel mit anderen Ereignissen, Ursache weiterer Wirkungen. Davon ausgehend folgt die generelle Einsicht, daß künftige Weltzustände durch vorhergehende bereits eindeutig bestimmt, d.h. determiniert sind.

Die Gegenthese, die dies verneint, wird als Indeterminismus bezeichnet.

Die grundlegenden Probleme in diesem Zusammenhang wurden in der Philosophie bereits in der Antike erörtert, die Begriffe „Determinismus“ und „Indeterminismus“ bürgerten sich jedoch erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter dem Einfluß der Naturwissenschaften ein.1

Besonders viel diskutiert ist die Frage, inwieweit auch der Mensch selbst und seine Handlungen determiniert sind.

Je nachdem auf welcher Ebene dies betrachtet wird, unterscheidet man zwischen

physiologischem und psychologischem Determinismus. Die These des physiologischen Determinismus ist, daß alle Handlungen von Personen durch vorausliegende körperliche Umstände nach physikalischen Gesetzen determiniert sind.2 Diese Theorie wird auch als physischer Determinismus bezeichnet.3 Die These des psychologischen Determinismus ist, daß alle Handlungen von Personen oder mindestens einige ihrer Charakteristika durch vorausliegende psychische Umstände nach psychologischen Gesetzen determiniert sind.4

Eine weitere wichtige Unterscheidung deterministischer Theorien wird danach getroffen, inwieweit sich nach der jeweiligen Theorie der Determinismus mit dem freien Willen von Menschen vereinbaren läßt. Die philosophische Richtung, die behauptet, wir unterlägen zwar faktisch oder möglicherweise der üblichen Kausalität, könnten aber dennoch frei sein, wird als Kompatibilismus (auch weicher Determinismus)5 bezeichnet. Die Richtung, welche behauptet, es sei logisch ausgeschlossen, sowohl determiniert als auch wirklich frei zu sein, wird als Inkompatibilismus (auch harter Determinismus)6 bezeichnet.

Auf der Frage nach dem freien Willen gründen sich alle weiteren Probleme um die Konsequenzen des Determinismus. Menschen können für ihre Handlungen nur verantwortlich sein, wenn sie sich frei auch anders hätten entscheiden können. Bestimmte Lebenshoffnungen gründen sich gerade darauf, daß wir mit freien Entscheidungen unser Leben beeinflussen können etc.

Ausgehend davon möchte ich die Beantwortung der Fragestellung dieser Arbeit in drei Abschnitte gliedern:

Zunächst soll kurz untersucht werden, inwieweit wir im täglichen Leben mit den Gedanken an eine gewisse Determiniertheit überhaupt Schwierigkeiten haben und ob uns der Determinismus nicht vielleicht vertrauter ist, als uns dies zunächst bewußt sein mag.

Anschließend soll der zentralen Frage nach dem freien Willen nachgegangen werden. Ich will versuchen zu zeigen, daß Theorien über Determinismus und freien Willen immer eine vom Grunde her gleiche Struktur haben müssen und sich daher die sich jeweils ergebenden Konsequenzen im Hinblick auf unser Leben nicht wirklich unterscheiden. Schließlich will ich überlegen, ob der Determinismus überhaupt als Argument für irgendeine Lebenskonsequenz herangezogen werden kann oder ob dies bereits aus logischen Erwägungen heraus nicht möglich ist.

2. Determinismus alltäglich ?

Bevor auf das zentrale Problem von Determinismus und freiem Willen näher eingegangen wird, will ich einige allgemeine Gedanken ansprechen, und zwar zu der Frage, ob uns das Gefühl des Determiniert-Seins wirklich so fremd ist, oder ob wir im Alltag nicht immer mit einer gewissen Art des Determinismus umgehen und leben. Wer sich mit dem Problem des Determinismus zum ersten Mal intensiv auseinandersetzt, scheint es zunächst schwer haben, mit diesem Gedanken wirklich klarzukommen. Wir als Menschen sollen nur noch das Zusammenspiel von kausalen Faktoren sein ? Wir sollen nur noch Teil eines Weltzustandes sein, der durch einen vorherigen bereits eindeutig festgelegt ist ? Mit unserem ausgeprägten Gefühl für Individualität scheint die Vorstellung des Determinismus nicht zusammenzupassen. Außerdem tauchen als nächster gedanklicher Schritt notwendigerweise die Fragen nach freiem Willen, Verantwortlichkeit etc. auf.

Wie bereits dargelegt wurde, ist die Idee des Determinismus letztlich eine Konsequenz davon, daß unsere Welt aufgrund bestimmter Gesetzmäßigkeiten funktioniert.

Dieser Umstand ist für uns aber eigentlich völlig normal. Jedes menschliche Handeln basiert darauf, daß es als Ursache eine Wirkung hervorruft. Ich möchte zum Beispiel einen Gegenstand verschieben. Ich berühre ihn, lasse durch meine Hände und Arme Kräfte auf ihn wirken und er bewegt sich. Hätte ich meine Handlungen nicht getätigt, hätte sich der Gegenstand nicht bewegt.

Ohne weiteres ist einzusehen, daß all unser Handeln mit Gesetzmäßigkeiten zu tun hat. Würde unsere Welt nicht gesetzmäßig funktionieren, könnten wir in ihr gar nicht leben. Wir wüßten nie, was unsere Handlungen „bewirken“ werden. Diese Einsicht in Gesetzmäßigkeiten und kausale Zusammenhänge funktioniert aber nicht nur in die Zukunft gerichtet. Auch Geschehnisse unserer Vergangenheit betrachten wir immer unter dem Aspekt, daß hier Gesetzmäßigkeiten gewirkt haben. Jedesmal, wenn wir uns entschuldigen oder rechtfertigen, berufen wir uns auf kausale Zusammenhänge. Weil der Bus nicht kam, bin ich zu spät gekommen. Weil dort eine Stufe war, bin ich gestolpert.

Diesen Rückzug auf kausale Zusammenhänge unternehmen wir nicht etwa bloß bei trivialen Erklärungen und Rechtfertigungen im Alltag. Vielmehr erklären wir letztlich alles durch das Wirken von Gesetzmäßigkeiten, bis hin zu unseren inneren Antrieben und Motiven.

Wenn auf die Frage „Warum lieben Sie klassische Musik ?“ geantwortet würde „Weil ich bereits in meiner Kindheit im Elternhaus damit vertraut gemacht wurde.“, so nimmt jeder die Antwort als völlig normal hin, ohne gleich erschrocken zu denken „Dieser arme Mensch wurde durch seine Kindheitserfahrungen determiniert“. In unserer Gesellschaft ist es fest verankert, daß Menschen durch Veranlagungen, Kindheitserfahrungen usw. geprägt sind und damit auch ihr späteres Verhalten in gewisser Weise „bestimmt“ ist.

Bei gerichtlichen Strafverfahren ist es zum Beispiel Pflicht, daß der Angeklagte nach seinem Lebenslauf gefragt wird. Bei gewichtigeren Fällen, wie z.B. Triebtötungen, werden umfangreiche psychologische Gutachten des Täters angefertigt, in denen ausführlich zu Veranlagungen, Erlebnissen in der Kindheit sowie den allgemeinen Lebensumständen Stellung genommen wird. Ganz selbstverständlich wird dabei mit dem Fakt umgegangen, daß ein Mensch in seinen Handlungen, zumindest zu einem großen Teil, vorherbestimmt ist. Entsprechendes ist nach dem Gesetz ausdrücklich strafmildernd zu berücksichtigen.

Was ich mit diesen Ausführungen zeigen will ist, daß wir im täglichen Leben viel öfter mit einer gewissen Determiniertheit umgehen, als uns zunächst bewußt ist. Damit will ich nicht sagen, daß die meisten Menschen, wenn sie den Determinismus in seinem vollem Umfang und seiner Totalität erkennen bzw. verstehen, zunächst keine Schwierigkeiten haben.

Aber offenbar ist es doch so, daß wir mit einem gewissen Grad an Determiniertheit unserer Selbst durchaus zurechtkommen.

Entscheidend für unsere Schockiertheit über den Determinismus scheint daher nicht der Fakt des Determiniert-Seins als solcher zu sein, sondern lediglich der Grad desselben.

Dazu jedoch später.

3. Determinismus und freier Wille

Wie bereits angedeutet, ist die zentrale Frage hinsichtlich der Konsequenzen des Determinismus diejenige, ob wir einen freien Willen haben oder nicht. Die erste Problematik dabei ist, was eigentlich einen freien Willen haben soll. Das entsprechende Objekt könnte einfach der Mensch als biologische Einheit sein; das, was wir im täglichen Umgang schlicht als Person ansehen. Wie bereits unter 2. gezeigt, ist jedoch völlig unbestritten, daß der Mensch als solcher sehr wohl zumindest zu einem bestimmten Maße durch Veranlagungen und psychische Entwicklungen bestimmt ist.

Dem Mensch als solchem, als ganzem wird man daher den freien Willen nicht zuschreiben können; alles andere würde den grundlegendsten Erfahrungen der Psychologie widersprechen.

Die Konsequenz davon ist, daß man bei der Betrachtung irgendwie in den Menschen „hineingehen“, die Betrachtungsebene tiefer legen muß.

Dabei kann man lediglich oberflächlich nur geringfügige psychologische Beeinflussungen betrachten. Man kann aber auch die Psyche eines Menschen sehr tiefgehend untersuchen bis hin zu frühesten Kindheitserinnerungen, welche ggf. mit biologischen Eigenschaften zusammenwirken etc. Man kann auch die Grenze der psychologischen Ebene verlassen und den Mensch z.B. konsequent bloß als die Gesamtheit der physikalischen Entitäten betrachten, aus denen er besteht und die mit der Umgebung nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten in Wechselwirkung stehen. Unabhängig davon, welche Betrachtungsweise man wählt, steht man jedoch irgendwann immer vor dem selben Problem, und zwar, daß man als Subjekt, welches einen freien Willen haben oder diesen zumindest begründen soll, irgend etwas „übriglassen“ muß. An irgendeiner Stelle muß eine Grenze gezogen werden, durch die ein Objekt bestimmt wird, welches überhaupt noch einer Betrachtung zugänglich ist. Andernfalls hätte man das Problem „wegbetrachtet“ oder „weguntersucht“.

Wenn man unter diesem Aspekt verschiedene Theorien oder Betrachtungsweisen analysiert, so wird deutlich, daß bei dem Problem des freien Willens oft eine Scheindiskussion geführt wird.

Beispielhaft sei hier nur der streng physiologische Determinismus auf der Ebene der Elementarteilchen angeführt. Wenn man in der Betrachtungsebene bereits soweit heruntergegangen ist, daß man nur noch physikalische Entitäten auf der Ebene der Elementarteilchen und ihre Wechselwirkung betrachtet, dann hat man nichts mehr, dem man einem freien Willen überhaupt zuordnen könnte.

Die Frage nach dem freien Willen dürfte hier eigentlich konsequenterweise gar nicht mehr diskutiert werden.

Jede Theorie über Determinismus und freien Willen darf daher in ihrer Betrachtungsebene nur soweit gehen, daß sie überhaupt noch ein Untersuchungsobjekt hinsichtlich des freien Willens zurückbehält. Am treffendsten hat dies Ernest Nagel zusammengefaßt:

„Just how and where the bounderies of the individual human self are to be drawn are undoubtelly not easy questions to decide ... But however they are drawn, the lines should not be so drawn that in the end nothing can be indentified as the self.”7

Determinismustheorien brauchen also zunächst ein Objekt, dem ein freier Wille zugeordnet bzw. an dem ein freier Wille diskutiert wird; anschließend wird dann ggf. erörtert, wie sich der freie Wille ergeben oder definieren soll.

Die vorhandenen Theorien gehen dabei verschiedene Wege, dieses Objekt und den Begriff des freien Willens zu bestimmen.

Teilweise wird vertreten, der Mensch ist bereits dann in seinem Willen frei, wenn er ohne äußeren Zwang handeln kann.

Andere Theorien gehen davon aus, daß wir selbst zwar weitgehend determiniert sind, aber irgend etwas in uns ist, vielleicht etwas Geistiges, was unabhängig von äußeren Determiniertheiten für uns Entscheidungen trifft.

Unabhängig von ihrer genauen Ausgestaltung ist jedoch allen Theorien, die einen freien Willen bejahen, eines gemeinsam: An einer gewissen Stelle wird ein Objekt definiert, welches so betrachtet wird, als ob es von äußeren Kausalfaktoren gar nicht mehr oder zumindest nicht vollständig bestimmt wird.

Irgendeine Entität wird herausgearbeitet, die mehr oder weniger vom Menschen als solchem in der Betrachtungsebene entfernt ist, und welche aufgrund ihrer, zumindest partiellen Unabhängigkeit, die Fähigkeit zur Erstausl ö sung hat.

Dieser Begriff wird dabei keineswegs immer wörtlich genau so verwendet. Er scheint mir jedoch am geeignetsten das zusammenzufassen, was allen Determinismustheorien, die einem freien Willen behaupten, gemeinsam ist, nämlich daß es an irgendeiner Stelle der Betrachtung etwas gibt, was nicht oder nicht vollständig von Kausalfaktoren determiniert ist.

All diese Theorien müssen dieses Element der Erstauslösung irgendwie implizieren, da sich andernfalls auf allen Betrachtungsebenen eine vollständige Determiniertheit ergeben würde und sich folglich kein freier Wille mehr konstruieren ließe.

Der Aufbau von Determinismustheorien, welche einen freien Willen bejahen, kann daher so verallgemeinert werden, daß die Betrachtungsebene so gewählt wird, daß ein relevantes Objekt übrigbleibt, diesem in irgendeiner Form die Fähigkeit zur Erstauslösung zugesprochen und davon ausgehend ein freier Wille konstruiert bzw. definiert wird.

Dies korrespondiert meines Erachtens auch mit unserer allgemeinen Vorstellung (siehe unter 2.). Wir geben ohne weiteres zu, daß wir auf eine bestimmte Art und Weise schon von Kausalfaktoren bestimmt sind. Irgendwo in uns glauben wir aber etwas zu haben, was völlig unabhängig ist, was uns selbst ausmacht, was äußeren Einflüssen nicht mehr unterliegt. Erst wenn die Vorstellung soweit geht, daß wir in allen Ebenen vollständig determiniert sind und ein solcher „Kern“ von uns nicht mehr übrigbleibt, empfinden wir echte Schockiertheit über den Determinismus.

Dieser prinzipielle Aufbau solcher Theorien scheint daher zunächst gute Ergebnisse liefern zu können. Jedoch tauchen nach näherer Betrachtung immer die gleichen prinzipiellen Fragen auf: Warum hat dieses Etwas in uns, was die Fähigkeit zur Erstauslösung besitzt, bestimmte Entscheidungen gerade so und nicht anders getroffen ? Warum hat es diese Entscheidungen gerade zu diesem Zeitpunkt getroffen und nicht zu einem anderen ?

Diese Fragen kann man auf drei verschieden Arten beantworten.

Zunächst könnte man sagen, dieses erstauslösende Etwas in uns ist doch irgendwie von äußeren Faktoren beeinflußt. Es steht doch in irgendeiner Wechselwirkung zu unserem Körper bzw. zu den auf ihn einwirkenden Kausalfaktoren. Wenn man davon ausgeht, so ist im Hinblick auf den freien Willen letztlich nichts gewonnen, sondern das Problem lediglich in eine andere Betrachtungsebene verlagert. Dieser Nach- Unten-Verlagerung der Betrachtungsebene sind letztlich aber Grenzen gesetzt, da man andernfalls, wie oben gezeigt, schließlich kein relevantes Objekt mehr übrigbehalten würde.

Als zweite Möglichkeit könnte man sagen, daß diese Entscheidungen des erstauslösenden Etwas in uns ohne jegliche äußere Beeinflussung erfolgen und in keinster Weise durch irgendwelche Gesetzmäßigkeiten determiniert sind. Die

logische Konsequenz daraus wäre, daß diese Entscheidungen reiner und völliger Zufall wären.

Als dritte Möglichkeit könnte man die ersten beiden kombinieren und sagen, daß natürlich das erstauslösende Etwas irgendwie schon an äußere Gegebenheiten geknüpft ist, z.B. an Anlässe für Entscheidungen. Wie diese Entscheidungen dann aber getroffen werden, ist nicht genau determiniert, sondern nur wahrscheinlich. Das heißt, Entscheidungen werden mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in einer bestimmten Art und Weise getroffen, es besteht jedoch auch eine Wahrscheinlichkeit dafür, daß entsprechende Alternativen gewählt werden.

So wurde zum Beispiel der freie Wille in einigen Theorien unter Zuhilfenahme der Quantenmechanik erklärt. Der Umstand, daß im Bereich der Quantenmechanik keine deterministischen, sondern lediglich statistische Gesetze herrschen, sollte den freien Willen begründen.

Hierbei muß man aber beachten, daß die Verteilung der Wahrscheinlichkeiten, wenn sie nicht selbst determiniert sein soll, wiederum nach reinem Zufall gegeben sein muß. Deshalb führt diese Variante letztlich auf einem Umweg wieder auf bloßen Zufall zurück.

Im Ergebnis kann man Folgendes festhalten:

Theorien über den Determinismus müssen letztlich zugeben, daß es entweder keinen freien Willen gibt, da auf allen möglichen Betrachtungsebenen vollständige Determiniertheit gegeben ist, oder sie bejahen den freien Willen, müssen diesen dann aber, wenn auch auf verschiedenen Wegen, auf reinen Zufall zurückführen. (Um bei den Begrifflichkeiten genau zu bleiben, müßte man solche Theorien eigentlich schon als indeterministisch bezeichnen, was im Hinblick auf den freien Willen meines Erachtens nach keinen Unterschied macht, wie noch gezeigt wird.)

Freier Wille kann sich also nur aus reinem Zufall ergeben bzw. definieren. Begrifflich kann man das Problem damit sicherlich lösen, jedoch ist in Bezug auf die Konsequenzen des Determinismus oder im Gegensatz dazu auf die des Indeterminismus nichts wirklich gewonnen.

Wenn wir über den Determinismus und seine Konsequenzen nachdenken, empfinden wir eine gewisse Schockiertheit. Mit der Tatsache, daß unser ganzes Leben in allenEinzelheiten vorherbestimmt sein soll, haben wir Schwierigkeiten. Nur haben wir diese Schwierigkeiten etwa nicht, wenn wir uns die Alternative vor Augen halten, daß der Gang unseres Lebens durch reinen Zufall bestimmt ist ? Unser allgemeines Gefühl für Freiheit wird meines Erachtens durch die Vorstellung gänzlicher Zufallsabhängigkeit genauso intensiv beeinträchtigt wie durch die Vorstellung einer vollständigen Determiniertheit. Für die entscheidenden Probleme bzw. Fragestellungen in unserem Leben macht es keinen Unterschied, ob wir vollständig determiniert sind oder all unsere Entscheidungen letztlich auf reinem Zufall basieren.

Man betrachte die Frage nach der Verantwortlichkeit der Menschen für ihre Handlungen. Wenn der Determinismus gilt und alles bereits vorherbestimmt ist, dann soll es keine Verantwortlichkeit mehr geben können.

Man sollte sich nun die Alternative vor Augen führen, daß allen Ereignissen letztlich reiner Zufall zugrunde liegt, und sich fragen, ob man damit die anstehenden Probleme und Fragen auf eine befriedigende Art und Weise besser beantworten kann.

Ich denke, daß das nicht der Fall ist.

Schon vom Grundsatz der Angelegenheit aus betrachtet muß man zugeben, daß reiner Zufall keine größere Verantwortlichkeit begründen kann als vollständige Determiniertheit. Dies ergibt sich bereits aus dem Begriff selbst. Wenn etwas reiner Zufall ist, dann hat es eben gerade keine Ursache, und folglich kann auch niemand dafür verantwortlich gemacht werden.

Aber auch bei den Folgeproblemen bzw. speziellen Ausgestaltungen der Frage lassen sich keine markanten Unterschiede herausarbeiten. Wenn z.B. fraglich ist, ob Straftäter für ihre Handlungen nicht verantwortlich sind, weil sie vollständig determiniert sind, dann wird die Alternative, welche diese Handlungen auf reinen Zufall zurückführen muß, keinen echten Ausweg anbieten können.

Der Vollständigkeit halber will ich in diesem Zusammenhang anmerken, daß es im Ergebnis des eben Gesagten und in Bezug auf den freien Willen und Verantwortlichkeit letztlich auch nicht auf die Unterscheidung zwischen Determinismus und Indeterminismus ankommt. Denn Indeterminismus bedeutet, daß es auf irgendeiner Stufe eine Unabhängigkeit von kausalen Faktoren gibt, was logischerweise nur reiner Zufall sein kann. Auch mit dem (reinen) Indeterminismus kann man die aufgeworfenen Fragen daher nicht besser beantworten.

Zusammenfassend möchte ich feststellen:

Die Frage, ob es trotz Determinismus einen freien Willen geben kann oder nicht, ist im Hinblick auf die jeweiligen Konsequenzen überdiskutiert. Dies ergibt sich bereits aufgrund von strukturellen und logischen Problemen. Jede Theorie, ob deterministisch oder indeterministisch, die einen freien Willen behauptet, kommt nicht umhin, den freien Willen letztlich auf reinen Zufall zurückzuführen. Dieser kann jedoch schon begrifflich zu keiner größeren Verantwortlichkeit der Menschen für ihre Handlungen führen als vollständige Determiniertheit.

Um diese Überbewertung in der Literatur kurz zu illustrieren, sei noch ein Beispiel angeführt:

Der englische Philosoph Ted Honderich hat 1993 in seinem Buch „Wie frei sind wir ? Das Determinismus-Problem“ eine eigene Determinismustheorie entwickelt und sich dabei auch ausführlich mit den Auswirkungen des Determinismus auf unser Leben beschäftigt.

Unter anderen beschreibt Honderich unsere Reaktion auf den Determinismus mit zwei Hauptarten von Gefühlen, nämlich Best ü rzung und Unnachgiebigkeit8.

Dies kann zusammengefaßt werden wie folgt:

Bestürzung würden wir empfinden, wenn uns der Determinismus deutlich in seinen Konsequenzen bewußt würde. Unnachgiebig reagieren wir, indem wir bestimmte Konsequenzen zwar zugeben, aber bestimmte Lebenshoffnungen entwickeln, die sich damit dennoch vereinbaren lassen.

Diese Ausführungen sollte man auf ihre tatsächliche Relevanz hin überprüfen.

Angenommen diesen Ausführungen läge nicht eine deterministische Theorie zugrunde, sondern eine, die an irgendeiner Stelle indeterministisch ist und auf Zufall zurückführt. Würde sich an den von Honderich beschriebenen Gefühlen etwas ändern ? Meines Erachtens nicht. Wenn uns bewußt würde, daß unser ganzes Leben auf Zufall basiert, der keinem Einfluß mehr unterliegt, würden wir genauso bestürzt reagieren. Und auch dann würden wir wiederum Lebenshoffnungen entwickeln, die damit in Einklang zu bringen sind; also auch hier mit Unnachgiebigkeit reagieren.

Man kann dies im Hinblick auf die von Honderich in diesem Zusammenhang ausführlich untersuchten Lebenshoffnungen auch verallgemeinern. Obwohl man um Begrifflichkeiten und Einzelheiten sicherlich diskutieren kann, so macht es für unsere Lebenshoffnungen, egal wie diese ausgeprägt sind, wohl im Ergebnis keinen Unterschied, ob Determinismus gilt oder nicht. Denn jede Lebenshoffnung basiert letztlich darauf, wie auch Honderich zutreffend feststellt, daß wir auf unser zukünftiges Leben einen Einfluß haben. Diese Lebenshoffnungen wären durch die intensive Vorstellung des Determinismus oder des reinen Zufalls gleichermaßen gefährdet. Auch wenn alles letztlich auf reinem Zufall basiert, hätten wir keinen größeren Einfluß auf unser Leben als wenn alles schon determiniert wäre.

Daher sehe ich die Ausführungen von Honderich in diesem Bereich als Beispiel dafür an, daß solche Ausführungen über den Determinismus letztlich nichts beinhalten, was nicht auch auf Theorien zuträfe, die irgendeinen indeterministischen Teil enthalten.

4. Determinismus als Argument überhaupt möglich ?

Nun soll untersucht werden, ob der Determinismus überhaupt argumentativ im menschlichen Miteinander einsetzbar ist. Es sei unterstellt, der Determinismus würde gelten und unsere Handlungen wären vollständig vorherbestimmt. Können Menschen sich dann auf den Determinismus berufen und damit ihre Handlungen erklären oder rechtfertigen ?

Es wurde bereits angedeutet, daß diese Problematik insbesondere im Bereich der Rechtsphilosophie eine große Rolle spielt, z.B. bei der Überlegung, ob Straftäter zur Rechenschaft gezogen werden können, wenn ihr Verhalten tatsächlich determiniert ist. Diese Frage in den verschiedensten Ausgestaltungen ist Gegenstand vieler wissenschaftlicher Debatten.

Ausgangspunkt für die weiteren Überlegungen sei zunächst der Fall, daß sich jemand mit dem Determinismus in irgendeiner Weise entschuldigen will. Irgendeine

Handlung soll verteidigt werden, damit eine bestimmte Sanktion, z.B. eine Strafe, nicht verhängt wird. Dabei wird die Argumentation dergestalt ablaufen, daß der Handelnde zu seinem Gegenüber sagt, daß das, was er getan hat, in seinem Kausalverlauf bereits vollständig determiniert war, er selbst sei Teil dieses Kausalverlaufs und könne deshalb nicht verantwortlich gemacht werden, eine Sanktion sei nicht zu verhängen. Dieser Argumentationsstruktur stehen mehrere grundlegende Einwände entgegen. Der erste Einwand, der völlig trivial ist und dennoch meines Erachtens viel zu oft übersehen wird, ist folgender:

Demjenigen, der sich mit dem Determinismus gegen eine bestimmte Sanktion verteidigen will, kann immer entgegengehalten werden, daß diejenigen, welche die Sanktion verhängen, dabei genauso determiniert sind wie er selbst zuvor bei seiner in Frage stehenden Handlung. Dabei ist es völlig unerheblich, welche Determinismustheorie der Handelnde selbst vertritt und auf welcher Betrachtungsebene er argumentiert, ob er z.B. die Sache vom physiologischen oder psychologischen Determinismus aus angeht. In jedem Fall, in dem der Handelnde von seiner Determinismustheorie wirklich überzeugt ist, wird er einsehen müssen, daß diejenigen, welche ihn sanktionieren, genau wie er davon betroffen sind.

Auf einer streng deterministischen Ebene kann man daher gar nicht gegen eine Sanktion diskutieren, ohne seinem Gegenüber gerade das treffendste Argument zu liefern, eben diese Sanktion doch zu verhängen.

Den Determinismus zur Erklärung eigener Handlungen zu verwenden ist aber auch aus einem anderen Grund heraus nicht möglich.

Dieser Grund liegt darin, daß ein Mensch bzw. überhaupt irgendein Wesen nie in der Lage sein kann, sein eigenes determiniertes Verhalten vorauszusagen. Und zwar aus folgender Überlegung heraus, die auf den Philosophen Karl Popper zurückgeht9:

Wenn ein Wesen seine Handlungen voraussagen will, so müßte es den Gesamtzustand des Systems kennen, vom dem es selbst ein Teil ist. Das ergibt sich daraus, daß nur dann, wenn der Gesamtzustand des Systems (einschließlich des Wesens selbst) analysiert ist, auch alle Faktoren, die für den Kausalverlauf relevant sind, erfaßt werden. Wenn nun das Wesen den Zustand des Systems, in dem es sich befindet, erkennt, so verändert sich damit auch sein eigener Zustand, da die Wissensspeicherung in dem Wesen die Veränderung bzw. Neuanordnung von physikalischen Entitäten bedeutet. Da das Wesen nun aber Teil des Systems ist, verändert sich mit seinem eigenen Zustand immer auch der des Systems insgesamt. Das heißt mit jedem Erkennen des Systems ändert sich automatisch dessen Zustand. Durch diesen endlosen Zirkel ist eine „statische Erkenntnis“ des Systemzustandes gar nicht möglich.

Eine solche wäre aber, wie gesagt, erforderlich, um eine Voraussage über den weiteren Kausalverlauf und die eigene Determiniertheit zu tätigen. Somit kann eine Voraussage über eigenes zukünftiges Handeln bereits aus logischen Gründen heraus nie erfolgen.

Daneben könnte man die Sache im Übrigen auch pragmatischer betrachten und ohne Weiteres einsehen, daß ein Mensch als solcher auch nicht nur ansatzweise die Informationsmengen speichern könnte, die für eine derartige Voraussage erforderlich wären.

Aus diesem Umstand, daß die eigene Determiniertheit nicht erkannt und künftige Handlungen nicht vorausgesagt werden können, folgt die Untauglichkeit des Determinismus als Argument für jedwede Rechtfertigung menschlichen Handelns. Denn wenn jemand erklären würde, er hätte so und nicht anders handeln müssen, dann kann ihm immer entgegengehalten werden, daß er dies gar nicht wissen könne und genauso gut gerade die andere Handlungsalternative hätte determiniert sein können. Und vor allem, daß auch der Entscheidungsprozeß selbst, die Gewissensanspannung, die Abwägung zwischen den Alternativen, die derjenige offensichtlich nicht vorgenommen hat, hätte determiniert sein können. Eine deterministische Position läßt daher moralisch gerechtfertigtes Handeln ebenso zu wie willkürliches, und da der Handelnde nicht weiß, wie er determiniert ist, stehen ihm aus seiner Sicht beide Alternativen gleichermaßen offen.10 Fatalistische Positionen lassen sich mit dem Determinismus nicht rechtfertigen.

Mit dem Determinismus kann daher im menschlichen Zusammenleben oder auch z.B. in ethischen Diskussionen nicht wirklich argumentiert werden. Die

Unvorhersehbarkeit der eigenen Determiniertheit verhindert generell

Entscheidungserleichterungen und Rechtfertigungen durch den Determinismus.

Auch unter diesem Aspekt wird die Diskussion um die Konsequenzen des Determinismus oft zu ausführlich geführt.

5. Zusammenfassung und Stellungnahme

Obwohl die Frage nach der Geltung des Determinismus für unser wissenschaftliches Weltbild unzweifelhaft große Bedeutung hat, so ist doch die Frage nach den tatsächlichen Konsequenzen des Determinismus für unser Leben überbewertet. Zum einen zeigen bereits allgemeine Überlegungen, daß wir mit einer bestimmten Determiniertheit unserer Selbst eigentlich keine Schwierigkeiten haben und damit im täglichen Leben gut umgehen können.

Zum anderen zeigen genauere Untersuchungen, daß jede Theorie über Determinismus und Indeterminismus letztlich vollständige Determiniertheit zugeben oder alles auf reinen Zufall zurückführen muß. Im Hinblick auf die Fragen, die unser Leben tatsächlich berühren, wie freier Wille, Verantwortlichkeit und Lebenshoffnungen, macht dies im Ergebnis keinen Unterschied. Und schließlich entbehrt der Determinismus schon generell jeder Eignung als Argument und Erklärung für menschliche Handlungen, da die entsprechende Determiniertheit von dem handelnden Objekt prinzipiell nicht erkannt werden kann.

Meines Erachtens sollte der Umgang mit dem Determinismus im Hinblick auf seine Konsequenzen für unser Leben pragmatischer erfolgen. Ausgangspunkt ist, daß wir unsere eigene Determiniertheit, wenn es eine solche gibt, nicht kennen und unsere eigenen Handlungen nicht voraussagen können.

Mit dem Grad an eigener Determiniertheit, der für uns noch erkennbar ist, können wir ohne weiteres umgehen (siehe Ausführungen unter 2.). Daß insoweit sogar ein gesellschaftlicher Konsens herrscht, zeigt sich z.B. an einschlägigen Regelungen im Strafrecht.

Und aus dem Kern, der übrigbleibt, den wir nicht mehr erkennen können, bilden wir gedanklich in irgendeiner Weise das, was uns selbst ausmacht. Unabhängig davon, ob wir Vertreter deterministischer oder indeterministischer Ideen sind, so schaffen wir uns immer, und hier ist Honderich zumindest im Ergebnis rechtzugeben, unsere eigenen Lebenshoffnungen und -ansichten, welche sich mit unseren jeweiligen Erkenntnissen und Meinungen über Determinismus und Indeterminismus dennoch vereinbaren lassen. Dabei ist in diesem Kernbereich eine genaue Bestimmung des freien Willens gar nicht erforderlich und wird von uns meines Erachtens auch nicht wirklich vorgenommen, wobei sicherlich auch bloße Verdrängung eine große Rolle spielt.

Auch wenn sich die Grenzen dessen, was wir von uns selbst als determiniert erkennen können, mit Fortschreiten der Wissenschaft immer weiter verschieben mögen, so werden wir uns doch immer wieder eine Vorstellung schaffen bzw. sogar schaffen müssen, daß es in uns irgend etwas gibt, was uns selbst ausmacht, was wir als uns selbst definieren und was die Fähigkeit zur Erstauslösung hat. Denn anders könnten wir in unserer Welt gar nicht leben, da unsere gesamte Gedanken-, Begriffs- und Denkstruktur darauf basiert, daß wir als selbständig handelnde Individuen existieren.

Verwendete Literatur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]



1 Walter, Kapitel 1), 2.3.1.

2 Metzler Philosophielexikon, unter Determinismus; Pothast, S. 41

3 z.B. Pothast, S. 41

4 Metzler Philosophielexikon, unter Determinismus; Pothast, S. 41

5 z.B. Honderich, S .9; Pothast, S. 11

6 z.B. Honderich, S .9; Pothast, S. 10

7 Nagel, S. 601

8 Honderich, Kapitel 7, S. 117ff.

9 dargestellt in Pothast, S. 185

10 Pothast, S. 187ff.

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Dr. Rolf Rosenbrock, 40, arbeitet seit 1977 am Schwerpunkt Arbeitspolitik im Wissenschaftszentrum Berlin.

Den Versicherten geht es an den Kragen. Die Beiträge steigen, von "Pleite" ist die Rede: das ganze System der Krankenversicherung müsse grundsätzlich geändert werden.

Das Skalpell - wenn nötig auch: die Axt - wird an einen hundert Jahre alten Baum gelegt, Bismarck hat ihn gepflanzt, nun paßt er nicht mehr in die Landschaft. Der gesetzliche Krankenversicherungsschutz soll ordentlich gestutzt werden. Den Versicherten zuliebe? Im Dienste der Gesundheit?

In Wahrheit geht es ums Prinzip und um das Geldverdienen.

Aus der Sicht der "Reformer" paßt die Steuerung überhaupt nicht mehr in unsere Zeit: Das System wird solidarisch finanziert, die Verteilung erfolgt nach Bedarf und ohne Geldverkehr. Die Anspruchsgrundlagen sind gesetzlich festgeschrieben, eine gewählte Selbstverwaltung lenkt den Riesenladen, gemeinsam mit dem Staat. Wo bleibt denn da die Marktwirtschaft? Draußen vor der Tür.

Das dürfe nicht so bleiben, argumentieren die Neuerer aus Politik und Wissenschaft. Vor allem drei Begründungen tauchen dabei immer wieder auf: Erstens habe die Bürokratisierung zu einem Verlust an menschlicher Wärme und Geborgenheit geführt. Dem "Unbehagen am Sozialstaat" sei nur durch Entstaatlichung beizukommen.

Gar keine Frage: Die Klagen über entwürdigende Prozeduren, etwa beim vertrauensärztlichen Dienst, sind ebenso berechtigt wie die über bürokratischjuristische Grausamkeiten. Man denke nur an die Frühinvaliditätsrenten und den dunklen Alltag der Psychiatrie.

Politische Konsequenzen werden daraus nicht gezogen. Das Lamento dient vor allem als atmosphärischer Klangteppich für das, was seit fünf Jahren allein läuft: Erschwerung von Leistungsvoraussetzungen, Kürzung und Fortfall von Sozialleistungen.

Auch das zweite Argument der Reformer erweist sich als gezinkt. Es lautet: Der Bürger verfüge über hinreichende Mittel für weitgehende Selbstvorsorge, die sozialstaatliche Versorgung könne deshalb auf eine Grundsicherung abgesenkt werden. Für die ärmeren Bevölkerungsschichten sind solche Vorschläge meist mit Härteklauseln versehen und gelten dadurch als sozial abgefedert.

Nicht erwähnt wird, daß dies eine ganz erhebliche Ausweitung staatlicher Bedürftigkeitsprüfungen zur Folge hätte. Solche Kontrollen laufen dem Ziel, den Klienten wieder zu Selbstbewußtsein und Aufstiegswillen zu verhelfen, diametral entgegen. Sie sind übrigens nicht mit weniger, sondern nur mit noch mehr Bürokratie zu haben. Zudem finden gerade die Bedürftigsten den Zugang zu solchen Regelungen oft nicht. Die Sozialhilfe wird zum Beispiel nur von der Hälfte der Berechtigten in Anspruch genommen. Die (untere) Hälfte der Armut wird dadurch doppelt ausgegrenzt.

Die prächtigsten Blüten treibt die dritte Einrede: Der derzeitige Modus der Verteilung von Gesundheitsgütern verführe ja geradezu zum Mißbrauch. Einer der bedeutendsten deutschen Gesundheitsökonomen verwendet hierfür die Metapher vom Betriebsausflug, bei dem das Bier nicht glasweise, sondern per Umlage bezahlt wird, so daß - logisch! - hinterher alle betrunken sind.

Empirische Belege für seine These hat der Autor noch nie vorgebracht, weder für Betriebsausflüge noch für das Gesundheitswesen. Es würde ihm wohl auch schwerfallen: Einschlägige Untersuchungen deuten auf ein recht geringes Mißbrauchspotential hin. Kein Vergleich mit Einkommenssteuern oder Subventionen. Statt dessen: "hohe Moral".

Der Grund dafür liegt weniger darin, daß der Mensch an sich oder speziell der Versicherte gut wäre. Der Unterschied ist vielmehr auf den simplen Umstand zurückzuführen, daß Arztbesuch, Tabletteneinnahme oder Krankenhausbehandlung durchweg nicht als so erstrebenswerte Güter gelten wie die Urlaubsreise oder das 7b-finanzierte Eigenheim.

Wer in ärztlichen Wartezimmern herumsitzt, weil er alt und einsam ist, wer zuviel Tabletten schluckt, der "mißbraucht" das System. Aber er tut es, weil er irreale Vorstellungen von Heilung und Hilfe hat. Die werden vom Medizinsystem selbst in die Welt gesetzt und wären von dort aus auch zu korrigieren.

Die Mißbrauchsdebatte zielt daher weniger auf eine zentrale Schwachstelle des Gesundheitswesens. Vielmehr kann mit ihr exzellent von dem Umstand abgelenkt werden, daß sich über drei Viertel aller Kostensteigerungen im Medizinsystem aus Entwicklungen bei Preisen und Angebotsmengen erklären, auf die der Versicherte selbst bei vollster Entfaltung seines Anspruchsdenkens überhaupt keinen Einfluß nehmen kann.

Welche Sachverhalte aber lösen tatsächlich den Bedarf aus? Gesundheitsrisiken sind nach sozialen Schichten, nach Lebenslagen und Belastungen innerhalb und außerhalb der Arbeitswelt höchst ungleich verteilt. Steinbrucharbeiter sterben zwanzig Jahre vor den Professoren. In den Sphären der Krankheitsverursachung können Leistungen kaum in Anspruch genommen werden, weil es sie dort faktisch nicht gibt.

Der individuelle Umgang mit gesundheitlichen Problemen variiert in Abhängigkeit von sozialer Schicht, Charakter und Lebenslage ganz erheblich, in einzelnen Bereichen um mehrere hundert Prozent. Das Gut Gesundheit hat nicht in jeder Lage den gleichen Wert. Auch geht nicht jeder gleich zum Arzt. Im Medizinsystem jedenfalls tauchen am Ende nur rund 20 Prozent aller Gesundheitsstörungen auf - die klinische Spitze eines Eisbergs.

Die Zukunft einer Gesundheitspolitik, die diesen Namen verdienen will, liegt folglich in zwei Bereichen: Krankheiten am Ort ihrer Entstehung zu verhüten und Gesundheitsstörungen zum richtigen Zeitpunkt in das richtige System zu bringen. Das ist schwierig genug.

Das alles soll nun jedoch über den kurzen Kamm des mikroökonomischen Marktmodells geschoren werden. Die Nachfrager treffen danach auf der Basis vollständiger Informationen ihre Kaufentscheidungen durchweg bedürfnisgerecht und rational. Dies soll nun für Kinokarten, Joghurtsorten und Automarken genauso gelten wie für Ärzte, Therapien, Pillen und Hospitäler.

Die Gesundheitsökonomen der Wendezeit malen ihre Vorstellungen begeistert aus: Der Patient beschafft sich (woher?) Informationen darüber, welcher Arzt für ihn und sein Leiden am preisgünstigsten ist. Mit seinem Rezept sucht der Patient die billigste der auch mit den Kaufhäusern konkurrierenden Apotheken. Die Anbieter werben in allen Medien um die Gunst der Kundschaft. Natürlich könnten auch die Kliniken ihr Preis- und Leistungsangebot derart differenzieren, daß sich das alte Drei-Klassen-Krankenhaus dagegen wie richtiger Kommunismus ausnähme.

Diese Vorstellungen sind nicht einfach nur bizarr. Ihre Realisierung hätte notwendigerweise eine breitere Öffnung der Schere sozialer Ungleichheit vor Krankheit und Tod zur Folge.

Der marktwirtschaftlich kalkulierte Preis ist kein gesundheitsgerechter Maßstab für "Konsumentenentscheidungen". Er nutzt vielmehr die Ängste und die Unwissenheit des Patienten aus. Denn das Preissignal hat in der Medizin eine perverse Wirkung: Mangels anderer Maßstäbe wird das teuerste Angebot auch für das beste gehalten. Die Verbreitung der Vorstellung, daß der Preis zum Beispiel eines Medikaments eine Funktion seiner Wirksamkeit und seiner Qualität sei, liegt sicher im Interesse der Pharma-Industrie. Mit einer rationalen Therapie hat sie aber nichts zu tun.

Wie kommt es, daß solch schlichtes Denken in der deutschen Gesundheitspolitik

eine so große Rolle spielt? Der Umstand, daß die Koryphäen der Marktökonomie damit vor allem einen neuen Markt für sich selbst erschlossen haben, kann nur eine Teilerklärung liefern. Weiter hilft die Beobachtung, daß akademische Moden meist nur dann eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermögen, wenn sich wirkungsmächtige Kräfte mit ihnen verbinden. Da kommen drei in Frage, eines Komplotts zwischen ihnen bedarf es nicht: *___Allein in der Bundesrepublik gibt es viele hundert ____Milliarden Mark anlagesuchendes Geldkapital. Ein ____Verwertungsfeld wie die Gesundheitspolitik, in der fast ____zehn Prozent des Bruttosozialprodukts nach marktfremden ____Regeln umgesetzt werden, muß da fast zwangsläufig ins ____Visier weitblickender Strategen rücken.

Zwar funktioniert die Angebotsseite dieses Sektors auch heute schon nach den Regeln der Gewinnmaximierung. Doch liegen noch große Anlagefelder brach für private Versicherungen und Krankenhausketten auf vielversprechenden Nebenmärkten wie Biokost, Fitness und Pflegeleistungen aller Art. Unter Kennern gilt der Markt für Gesundheit als bei weitem noch nicht ausgereizt. *___Die Ausdehnung der Marktlogik im Gesundheitsbereich ist ____stets mit direkten (Zu-)Zahlungen der Patienten ____verbunden. Damit wächst der zu verteilende Kuchen über ____den Bereich der Krankenversicherung hinaus.

An einer solchen Entwicklung sind viele interessiert. Teils, weil sie immer hungrig sind, wie zum Beispiel die pharmazeutische Industrie, teils, weil sie Überkapazitäten in den eigenen Reihen haben (Ärzte, Apotheker). *___Schließlich gilt, in der Sichtweise der ____Wirtschaftspolitik, Marktlogik derzeit als ein Wert an ____sich. So degeneriert Gesundheitspolitik zur Exekution ____von Leitlinien, die Ökonomen vorgeben.

Nun sind marktradikale Lösungen bislang überwiegend akademisches Papier. Ein Blick auf die USA und Großbritannien zeigt aber deutlich die mögliche Richtung der Reise. Die Einstiege werden gern "Selbstbeteiligung" genannt - ein höhnisches Wort angesichts der monatlich zu zahlenden Versicherungsbeiträge.

Als Ziel der "Selbstbeteiligung" gilt die "Senkung der Inanspruchnahme". Was da von wem aus welchen Gründen und mit welcher (Langzeit-) Wirkung in Anspruch genommen wird, ist meist gar nicht erst Gegenstand der Betrachtung.

Die direkte Zuzahlung von zwei Mark für jedes verordnete Arzneimittel ist ein Beispiel für marktökonomische Brückenkopfbildung. Welche Senkung des ohne Zweifel zu hohen Arzneimittelverbrauchs wird denn erzielt, wenn die wirklich armen Versicherten vor die ökonomisch zu treffende Entscheidung gestellt werden, das ärztliche Rezept auch tatsächlich in der Apotheke einzulösen?

Davon ist keine Unterscheidung zwischen sinnvollen und unnützen Medikamenten zu erwarten. Die Versicherten mit dem kleinen Einkommen sind nicht die großen Verschwender.

Mit der direkten Zuzahlung von fünf Mark für jeden der jeweils ersten vierzehn Tage im Krankenhaus werden Beträge im Portokassenbereich der Krankenhausumsätze erhoben. Fast ein Drittel davon versickert für das Eintreiben, vor allem wohl bei solchen Patienten, für die maximal siebzig Mark tatsächlich ein ökonomisches Problem darstellen.

Was diese Regelung so bestechend macht, ist ihre absolute gesundheitspolitische Sinnlosigkeit: Wessen Begehrlichkeit hier gezügelt werden soll, welches der zahlreichen Probleme des Krankenhauses oder der Krankenversicherung hier irgendeiner Lösung nähergebracht werden soll - man wird vergebens danach suchen.

So bleibt eigentlich nur die Erklärung: Hier sollte ein marktökonomischer Fuß in die Tür gestellt werden, und zwar aus Prinzip.

Neben Brückenköpfen kommen auch Trojanische Pferde zum Einsatz. Das jüngste trägt den Namen "Kostentransparenz". Dabei soll dem Patienten jeweils mitgeteilt werden, welche Kosten seine Behandlung verursacht hat. Die Meinungen sind geteilt: Emsige Verfechter der Mißbrauchsthese befürchten, daß der tückisch seinen Eigennutz maximierende Versicherte erst recht mehr Leistungen "konsumieren" wird, wenn er sieht, daß seine Beiträge höher liegen als die verursachten Kosten.

Andere Gesundheitsökonomen sehen dagegen eine schonende und zunächst kostenfreie Einstimmung des Patienten, bevor er später dann richtig zur Kasse gebeten wird.

Der wichtige Einwand liegt aber auch hier auf der grundsätzlichen Ebene: Welche Logik des Gesundheitsverhaltens soll eigentlich gefördert werden, wenn vor dem Gang zum Arzt finanzielle Erwägungen stehen? Den Versicherten geht es nichts an und soll es nichts angehen, was die notwendigen Leistungen kosten.

Hinter all diesen Überlegungen und Maßnahmen steht eine einfache, aber abenteuerliche Annahme: daß die nach eigenem Anspruch lediglich im wirtschaftlichen Verkehr der Menschen "heilsamen Kräfte des Marktes" in irgendeiner positiven Art und Weise auf die Heilung von Krankheiten wirken könnten.

Die Konsequenz dieser heroischen Analogie: Wer mehr Gesundheit will, soll dafür dann auch mehr bezahlen.

Setzt sich die gegenwärtige Entwicklung fort, so zeichnen sich drei bedrohliche Konsequenzen ab.

Erstens: Politik, Märkte, Technik und Organisation stülpen derzeit die Arbeitswelt um, das arbeitspolitische Terrain ist in Bewegung. Für die Beschäftigten fallen dabei zahlreiche neue - auch gesundheitliche - Zumutungen an, zudem fransen die sozialen Sicherungen des Arbeitsvertrages aus. Hinnahmebereitschaft ist deshalb ein gefragtes Gut und wird durch die lähmende Furcht um den Arbeitsplatz gefördert. Als Druck- und Drohpotential wirkt neben der offenen Massenarbeitslosigkeit eine auch sozialpolitisch brisante Gemengelage unsteter und unsicherer Beschäftigungen am unteren Rande der Erwerbsarbeit, der Sektor offener Armut verbreitert sich.

In dieser Situation mag die ökonomische Kolonialisierung des Gesundheitswesens politisch durchsetzbar erscheinen. Es kann aber kein Zweifel daran bestehen, daß die gesundheitsschädigenden Auswirkungen dieser Entwicklungen miteinander kumulieren. Angst macht krank, zuviel Streß tut es auch.

Zweitens: Die Entwicklung einer vernünftigen Gesundheitspolitik wird weiterhin unterbleiben. Vernünftig, das hieße angesichts der ungebrochenen Vorherrschaft der chronisch-degenerativen Krankheiten die Entwicklung wissenschaftlich fundierter Programme, die sich auf die (wenigen) großen Volkskrankheiten richten und ihre Entstehung verhüten. Neue und alte Strukturen des Gesundheitssystems müßten auf diese Aufgabe hin ausgerichtet werden.

Drittens: Sowohl im Medizinsystem als auch bei den Versicherten/Patienten wird über die Entfaltung des Marktes eine Mentalität geschaffen und stabilisiert, die der Erhaltung und Wiedererlangung von Gesundheit letztlich feindlich gegenübersteht. Dies gilt notabene nicht nur für die ärmeren Schichten der Bevölkerung.

Es geht hier nicht um das romantische Unterfangen, Inseln der Menschlichkeit in einer harten Welt unter dem kalten Stern der Knappheit zu retten. In Rede steht vielmehr die Zweckmäßigkeit von Strukturen und Verfahren für das Ziel Gesundheit.

Gesundheit ist keine Ware und wird auch nie eine werden können. Wer das Medizinsystem so umgestaltet, daß am Ende das Geld über die Gesundheit herrscht, der schlägt der Inhumanität eine breite Schneise.

Von Rolf Rosenbrock